Gedanken zum Englischunterricht –

neue Fähigkeiten werden erfolgreich gefördert

 

Als ich hier in Lohr an der Realschule 1979 anfing Englisch zu unterrichten, waren trainers, karaoke und hip-hop ganz neue Wörter. Inzwischen sind virtual reality, axis of evil, onliner, nonliner und seit Neuestem bad bank, bankster, selfie selbstverständliche Bestandteile des englischen Wortschatzes. In der Abschlussprüfung gab es auch damals schon Comprehension, d. h. das Textverständnis wurde überprüft. Hat der Prüfling den Zusammenhang erkannt? Kann er bei den Fragen zum Text genau die Stelle finden, die die Aussage enthält? Kann er erkennen, welche Bedeutung eines Wortes im Textzusammenhang die richtige ist? Sodann wurden weiterführende Fragen gestellt, bei denen eigene Gedanken zur Thematik entwickelt werden mussten. Unverändert ist der Teil geblieben, in dem die Grammatikkenntnisse (verschiedene Zeiten, Konjunktionen, Relativpronomen, Adverbien und Präpositionen) überprüft werden. Der letzte Teil war stets eine Übersetzung, bei der die perfekte wörtliche Übersetzung erwartet wurde. Da stritten bei der Korrektur die Germanisten mit den Anglisten um jede Nuance: Muss da im Deutschen der Konjunktiv stehen? Ist community in diesem Text mit Gemeinde oder mit Gemeinschaft zu übersetzen? Und dann mussten die Prüflinge beweisen, dass sie sicher einen Satz aus Direkter Rede in Indirekte Rede verwandeln konnten und alle Veränderungen in der Zeitenfolge im Kopf hatten. Und so wurden für viele Jahre die Fähigkeiten des Lesens, Verstehens und Schreibens systematisch abgeprüft.

 

Noch vor der Jahrtausendwende kam Bewegung in die Abschlussprüfung. Plötzlich wurden von den Prüflingen weitere Fähigkeiten erwartet. 1998 gab es erstmals einen Teil Listening comprehension. Mucksmäuschenstill lauschten die Schüler und Schülerinnen in der großzügig eingerichteten Pausenhalle der Kassette mit mehreren Übungsteilen zum Thema The World of Sport. Man musste ankreuzen, durchstreichen, Details blitzschnell erfassen und dann aus einem Gespräch relevante Stellen erkennen und herausschreiben. Telefonnummern waren beliebt, nur mancher Kandidat schaffte nicht die Reihenfolge der Zahlen richtig zu notieren. Ob er je den gewünschten Gesprächspartner erreicht hat, ist nicht überliefert. Das war auch das Jahr, in dem The Iceberg Comes an das Schicksal der Titanic erinnerte.  Zur gleichen Zeit wurde der Teil Guided writing, also das Verfassen eines Briefes nach vorgegebenen Stichwörtern (prompts), eingeführt. Warum man gerade in jenem Jahr einen Bekannten zu einer gemeinsamen Reise auf dem Luxusliner MS Hanseatic gewinnen sollte, ist mir bis heute nicht einsichtig. Flüssig formulieren und einen treffenden, abwechslungsreichen Wortschatz anwenden, das war jetzt gefragt.

 

Bis zum Jahre 2005 hatte ich immer den Eindruck, dass die Prüflinge genug Zeit hatten, die letzten zehn oder fünfzehn Minuten der Abschlussprüfung in Englisch ruhig und entspannt ausklingen zu lassen. Die Arbeit war getan, das Wissen erschöpft und nachträgliche Veränderungen nicht immer eine Verbesserung. Das änderte sich mit der Prüfung 2006 London Life schlagartig. Nun umfasste die Abschlussprüfung zwölf Seiten. Plötzlich mussten die Schüler Informationen aus Texten heraussuchen, umblättern, notieren, kontrollieren und sich hetzen. So mancher Teilnehmer konnte mit Müh und Not alle Fragen bearbeiten. Ein vergewissernder Blick zum Nachbarn war zeitlich nicht mehr unterzubringen. Konzentration bis zur letzten Minute war angesagt. Die letzte wesentliche, zukunftsorientierte Veränderung im Englischunterricht brachte das Jahr 2009. Jetzt wurde endlich auch das gesprochene Wort bewertet. Die mündliche Kommunikationsfähigkeit wurde aufgewertet. Da die meisten unserer Schüler und Schülerinnen sich zuerst in Englisch ausdrücken und unterhalten werden, war das ein notwendiger, praxisnaher Schritt in die Zukunft. Schriftliche Äußerungen werden sie in ihrem weiteren Leben nicht in erster Linie verfassen müssen. Reden müssen sie können! Zwei Kandidaten dürfen sich im Speaking test über Hobbys, Familie und Schule in einem realistischen Gespräch ausfragen. Dann müssen sie ein Bild anschaulich beschreiben. Im dritten Teil geht es darum, Argumente zusammen zu tragen, ob es besser sei mit dem Auto oder dem Flugzeug in den Urlaub zu fahren. Plötzlich werden die detaillierten Argumente aus dem Deutschunterricht in einfacherer Art in der Englischprüfung vorgetragen. Fächerübergreifender Unterricht, wie er sein soll. Die Minuten verfliegen, während man als Prüfer dem spannenden Gespräch lauscht …

 

Die Verfügbarkeit von Medien ist sprunghaft angestiegen, der Einsatz hat sich gesteigert und im neu eingerichteten Raum 308 werden noch viele Generationen unter der wachsenden Vielfalt der Medien stöhnen.

Unverändert sind die drei Grundprinzipien aller Aufgabenstellungen geblieben: Validität, Reliabilität und Objektivität. Wir haben das damals gelernt und beherzigen es bis heute, die jungen Lehrkräfte haben es gelernt und werden es noch lange beherzigen.

Noch etwas hat sich nicht geändert. In meinen Schulaufgaben komme ich immer auf einen Schnitt zwischen 3,20 und 3,70.

 

Karl-Heinz Schroll

Fachbetreuer für Englisch (bis September 2012)

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