Sprachmittlung – die neueste Entwicklung im Englischunterricht

Der Englischunterricht an den bayerischen Realschulen wird ständig den neuen Erfordernissen angepasst. In der Abschlussprüfung 2006 wurde ein neuer Aufgabentyp präsentiert, der zusätzliche Anforderungen an die Prüflinge stellte. „Sprachmittlung“ ist das Zauberwort, das uns ins 21. Jahrhundert befördert hat. Bei der „Sprachmittlung“ geht es nicht mehr um eine präzise wörtliche Übersetzung mit all den Feinheiten, die sich die Lehrer und Prüfer einfallen lassen. War Winston Churchill „great“ – „groß“, „großartig“ oder „toll“? Was trifft den Charakter am besten? He was approximately thirty-five years old. Braucht man da das „ungefähr” oder reicht “35 Jahre alt”? Ist das „ungefähr“ wesentlich für das Verständnis?

 

In der Prüfung 2006 gab es drei Texte. Text 2 informierte in Englisch über die Unterschiede von „Travelcards“ und „Day Travelcards“ der Londoner U-Bahn. So waren Informationen über Gültigkeit, Zonen, Hauptreisezeit und preislich günstigere Zeiten angegeben. Der Prüfling musste Detailinformationen kurz und bündig in Englisch notieren. Einige Aufgaben:

„How long can you use a Friday Travelcard on Saturday?“ (until 4.30 am)

“Can you use your Travelcard on the Heathrow Connect?” (no, not valid on this route)

„Who can apply for a freedom pass?” (only disabled persons from London, not visitors or foreigners)

Ziel dieser Aufgabenstellung ist es, aus authentischen englischsprachigen Texten wichtige Informationen, die der Besucher braucht, herauszufinden. Vergleiche hierzu auch die beiden Seiten 3 und 12 der Abschlussprüfung.

Natürlich macht es auch Sinn, wenn man eine englische Vorlage hat und die Informationen in Deutsch wiedergeben muss. Beim Text 3 der Abschlussprüfung „Smart Travel Tips“ konnte der Schüler beweisen, dass er gelernt hat ganz genau hinzuschauen. Auch hierzu einige Beispiele. Ein Abschnitt war mit „How to behave at restaurants or pubs“ überschrieben. „Don’t just walk into a restaurant and sit down. Wait to be seated. Even in places where you find an empty seat do not sit down with strangers. When a group of friends or colleagues has a meal at a restaurant, they split the bill equally. In British pubs, you get your drink at the bar, pay immediately without giving a tip and then take your seat.” Die Schüler mussten erkennen, dass man darauf warten muss, bis man von der Bedienung einen Platz zugewiesen bekommt (wie es in der DDR ja auch der Fall war) und dass man sich nie zu Fremden an den Tisch setzen darf. Bei der Bezahlung läuft das anders als in Deutschland. So setzt man sich im Pub nicht auf einen freien Platz und wartet, bis der Kellner kommt, denn der kommt erst und räumt ab, wenn er keine sauberen Gläser mehr im Schrank hat. Man bezahlt die Getränke sofort an der Bar/am Tresen, wenn man die Getränke in Empfang nimmt, und sucht sich dann einen Steh- oder Sitzplatz. Auch gibt man kein Trinkgeld in Pubs. Es ist wichtig, dass der Schüler wesentliche Informationen aus dem Text herausfiltert und in seiner eigenen Sprach zu Papier bringen kann.

 

Die Entwicklung muss man vor dem Hintergrund sehen, dass unsere Absolventen im Beruf später recht häufig mit englischen Texten konfrontiert werden, aus denen sie wichtige Informationen herauslesen und verstehen müssen. So kann das eine oder andere Wort gar übergangen werden. Man muss den Sinn übertragen. Das erinnert mich an das Schild in einem Wald in der Nähe von München. „Rauchen und Feuermachen im Walde ist in der Zeit vom 1. März bis 31. Oktober verboten! Zuwiderhandlungen werden gemäß §9 der Verordnung zum Schutze der Wälder usw. vom 25. Juni 1938 mit Haft oder Geldstrafe bis zu 150 Euro, in schweren Fällen mit Gefängnis bestraft. Forstamt München-Süd“  Keinem Schüler – vielleicht auch keinem Lehrer – ist das Wort „Zuwiderhandlungen“ geläufig. Wie kleide ich die entscheidende Information in gutes Englisch? Eine überzeugende Sprachmittlung dieses Schildes klingt dann englisch, perfekt und absolut überzeugend. „You don’t want this beautiful forest to be set on fire, do you? Then stop smoking in the forests during the dry season. Thank you. Forestry Commission Munich South”

 

Noch eine letzte Anmerkung zur Prüfung 2006. Seit ich Abschlussklassen betreue, hatten alle, ich betone alle, Schüler und Schülerinnen noch viele Minuten vor dem Ende der Prüfung Zeit, in denen sie ihre Arbeit noch einmal durchgehen oder aus dem Fenster schauen konnten, aber 2006 kämpften alle, ich betone alle, Kandidaten und Kandidaten bis zur letzten Minute, denn sie mussten immer wieder auf anderen Seiten der 12-seitigen Prüfung nachschauen, kontrollieren, vergleichen und überprüfen. Da blieb keine Sekunde, um zum Nachbarn links oder zur Nachbarin rechts zu blicken. Ist das fair??

 

Karl-Heinz Schroll

(Fachbetreuer bis September 2012)

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